Arbeitsmarktsituation der Jugendlichen in der jüngsten Rezession
In Zeiten schwacher Arbeitsmarktentwicklung sind junge Menschen besonders häufig von Arbeitslosigkeit betroffen, weil viele von ihnen den Übergang von der Ausbildung ins reguläre Beschäftigungssystem bestehen müssen. Dem Lehrstellenmarkt sowie der Nahtstelle vom Ausbildungs- in das reguläre Beschäftigungssystem kommt in diesem Zusammenhang eine besonders hohe Bedeutung zu. Der folgende Beitrag geht der Frage nach, wie sich die jüngste Rezession auf die Arbeitsmarktsituation von Jugendlichen ausgewirkt hat und was im weiteren Verlauf zu erwarten ist.


Im Jahr 2009 durchlief die Schweizer Volkswirtschaft die schärfste Rezession seit den 1970er-Jahren. Das Bruttoinlandprodukt schrumpfte real um 1,9%, wobei Finanzdienstleistungs- und Industrieunternehmen besonders stark vom Einbruch der Nachfrage betroffen waren. Ein wirtschaftlicher Rückschlag dieses Ausmasses konnte denn auch nicht ohne Folgen für den Arbeitsmarkt bleiben: Die Arbeitslosenquote stieg von 2,6% im Herbst 2008 auf 4,2% bis Ende 2009 (saisonbereinigte Werte). Hätten nicht viele Industrieunternehmen Kurzarbeit eingesetzt, wäre der Anstieg noch deutlich stärker ausgefallen. Relativ überraschend bildete sich die Arbeitslosenquote ab Anfang 2010 leicht zurück. Die wirtschaftliche Erholung kam nach dem starken Einbruch im letzten Jahr in diesem Jahr deutlich rascher und kräftiger, als man erwartet hatte. Der Aufschwung war stark durch die geld- und fiskalpolitischen Massnahmen geprägt, welche weltweit massiv zum Einsatz kamen. Bis im Herbst 2009 hatten die meisten Schweizer Konjunkturexperten für 2010 noch mit einer sehr zögerlichen wirtschaftlichen Erholung und einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf deutlich über 5% gerechnet. Tatsächlich dürfte die Arbeitslosenquote 2010 im Jahresdurchschnitt nun 3,9% betragen.
Die Jugendarbeitslosigkeit reagiert stark auf die Konjunktur
Die Jugendarbeitslosigkeit reagiert erfahrungsgemäss besonders sensibel auf konjunkturelle Schwankungen. Für die Zeitspanne von Anfang 2000 bis September 2010 schlug sich ein Anstieg oder ein Rückgang der Gesamtarbeitslosenzahl von 10% im Durchschnitt in einem Anstieg bzw. Rückgang von 12,6% der Jugendarbeitslosenzahl nieder. Dieser längerfristige statistische Zusammenhang galt auch in der jüngsten Krise (vgl. Grafik 1). Die erhöhte Konjunktursensitivität der Jugendarbeitslosigkeit hat hauptsächlich drei Ursachen: − Viele Jugendliche befinden sich in einer Übergangssituation zwischen der Ausbildung und dem Arbeitsmarkt. Da viele Unternehmen bei schwacher Auftragslage mit Einstellungsstopps reagieren, bevor sie Personal abbauen, leiden stellensuchende Neueinsteiger als erste und am stärksten unter konjunkturellen Einbrüchen. − Überdurchschnittlich viele junge Erwerbstätige stehen in befristeten Anstellungsverhältnissen oder arbeiten für Personalverleihfirmen. Solche Arbeitsverhältnisse werden in aller Regel als erste aufgelöst oder nicht weiter verlängert.− Personen mit den höchsten Qualifikationen treten in der Regel nicht vor 25 Jahren, sondern erst nach Abschluss einer Ausbildung auf der Tertiärstufe, in den Arbeitsmarkt ein.Wegen der hohen Konjunktursensitivität der Jugendarbeitslosigkeit hatte man vor rund einem Jahr für 2010 noch mit einem Anstieg der Jugendarbeitslosenquote auf deutlich über 7% gerechnet. Mittlerweile darf man davon ausgehen, dass die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen im Jahresdurchschnitt etwa 4,5% erreichen wird. In den letzten Monaten bestätigte sich die Erfahrung, wonach die Jugendarbeitslosigkeit in Aufschwungphasen deutlich stärker sinkt als die Gesamtarbeitslosigkeit. Zwischen September 2009 und September 2010 sank die Arbeitslosenzahl der 15- bis 24-Jährigen um 20% – und damit sogar doppelt so stark wie die Gesamtarbeitslosigkeit. Ende September 2010 lag die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen saison- und zufallsbereinigt noch bei 4,1%, gegenüber der Gesamtarbeitslosenquote von 3,7%. Ein Jahr zuvor hatte sie noch bei 5,1% bei einer Gesamtarbeitslosenquote von 4,1% gelegen. Die effektive Zahl der 15- bis 24-jährigen Arbeitslosen lag Ende September bei 24 035.Ein weiteres Charakteristikum für die Jugendarbeitslosigkeit ist, dass zwar das Risiko, arbeitslos zu werden, stark überdurchschnittlich ist, die individuelle Arbeitslosendauer hingegen stark unterdurchschnittlich. Über den Zeitraum 2004 bis 2010 blieben 15- bis 24-jährige Arbeitslose im Schnitt 4,3 Monate arbeitslos, während diese Dauer bei Arbeitslosen im Alter zwischen 25 und 54 Jahren 6,7 Monate betrug.
Verschiedene Übergänge bis zur Integration in den Arbeitsmarkt
Jugendliche müssen bis zur Integration in den regulären Arbeitsmarkt – je nach gewähltem Ausbildungsweg – verschiedene Übergänge meistern. Ein erster Übergang erfolgt nach der obligatorischen Schule. Im Jahr 2008 traten knapp 49% der Jugendlichen direkt danach eine berufliche Grundbildung an. Knapp 15% besuchten zuerst eine Übergangsausbildung wie etwa ein zehntes Schuljahr oder ein Brückenangebot. 26% der Jugendlichen besuchten direkt eine allgemein bildende Schule. Für die Mehrzahl der verbleibenden rund 10% der Jugendlichen stand nach der obligatorischen Schule potenziell ein Übertritt in den regulären Arbeitsmarkt an.1 In bildungs- und arbeitsmarktpolitischer Hinsicht besteht die Herausforderung in dieser ersten Übergangsphase darin, dass möglichst viele Jugendliche, welche eine weiterführende Ausbildung besuchen möchten, eine entsprechende Lehrstelle bzw. einen geeigneten Ausbildungsplatz finden können.Nach Abschluss der Ausbildung auf Sekundarstufe II erfolgt ein zweiter Übergang. Während ein Teil der Absolventen unmittelbar ein Studium auf der Tertiärstufe anstreben, möchten andere auf dem Arbeitsmarkt Fuss fassen. Vor allem Abgängerinnen und Abgänger der beruflichen Grundbildung begeben sich in dieser Phase sehr häufig auf Stellensuche. Im langfristigen Durchschnitt verbleiben etwa 40% der Lernenden nach ihrem Abschluss im Lehrbetrieb.2 Die übrigen gehen auf Stellensuche, treten eine weiterführende Ausbildung an oder ziehen sich aus dem Erwerbsleben zurück. Dieser Übergang ist bekanntermassen mit einem besonders hohen Arbeitslosigkeitsrisiko verbunden, wobei die Dauer der Arbeitslosigkeit in den meisten Fällen relativ kurz ist. Auch Personen, welche ein Studium auf der Tertiärstufe abgeschlossen haben, müssen danach den Einstieg in den Arbeitsmarkt bewältigen. Während Personen mit beruflicher Ausbildung in der Regel bereits mehrere Jahre Berufserfahrung aufweisen, vollziehen jene, welche allgemein bildende Schulen durchlaufen haben, nach dem Studium unter Umständen ihren ersten «richtigen» Übergang in den Arbeitsmarkt.3
Situation auf dem Lehrstellenmarkt 2010
Nachdem die Zahl der Schulabgängerinnen und -abgänger der obligatorischen Schule (Sekundarstufe I) in den letzten Jahren noch stetig zugenommen hat, erfolgt zurzeit ein Rückgang (vgl. Grafik 2). Gemäss Prognosen des Bundesamts für Statistik (BFS) wird bis 2018 ein Rückgang von 18% erwartet, womit auch die Zahl der Lehrstellensuchenden sinken dürfte. Aus Sicht der Jugendlichen könnte diese Entwicklung die Situation auf dem Lehrstellenmarkt etwas entspannen, während es für die Unternehmen tendenziell schwieriger werden könnte, geeignete Bewerber zu finden.Seit 2004 hat das Lehrstellenangebot um 18% zugenommen. Der positive Trend wurde durch den jüngste Wirtschaftseinbruch, wie es scheint, nur vorübergehend gebrochen. Nach einem leichten Rückgang des Lehrstellenangebots im Jahr 2009 prognostiziert das Lehrstellenbarometer für dieses Jahr wieder eine Zuname auf 90 000 zu vergebende Lehrstellen (2004: 74 000). Die Anzahl abgeschlossener Lehrverträge hat im Zeitraum seit 2003 ebenfalls zugenommen, wobei sich vor allem im Hochkonjunkturjahr 2008 das Lehrstellenangebot stärker ausgedehnt hat als die Zahl der vergebenen Lehrstellen. Im letzten Jahr sank die Zahl der vergebenen Lehrstellen praktisch parallel zur 16-jährigen Wohnbevölkerung in der Schweiz. Die Berufsbildung ist arbeitsmarktorientiert und dadurch stärker konjunkturellen Entwicklungen ausgesetzt als allgemein bildende Schulen der Sekundarstufe II. Konjunkturelle Einbrüche haben jedoch nur einen beschränkten negativen Einfluss auf die Anzahl der vergebenen Lehrstellen, wie es sich auch in der jüngsten Rezession zeigte. Stärker als auf die konjunkturelle Entwicklung reagieren Lehrbetriebe auf demografische Gegebenheiten. Gemäss einer Studie der Universität Bern nimmt jedoch bei rückläufigen Schülerzahlen das Lehrstellenangebot nicht im gleichen Umfang ab. Dies hat zur Folge, dass es auch in Zeiten konjunktureller Einbrüche zu einer Entspannung auf dem Lehrstellenmarkt kommen kann.4Für das laufende Jahr zeichnet sich eine weitere Entspannung des Lehrstellenmarktes ab. Während das Lehrstellenangebot um gut 3% zunehmen dürfte, ist bei den Lehrstellensuchenden ein leichter Rückgang absehbar. Angesichts der gegenläufigen Tendenzen ist zu erwarten, dass die Zahl von abgeschlossenen Lehrverträgen in etwa konstant bleiben wird. Die öffentliche Hand hat auf dem Lehrstellenmarkt eine Mittlerrolle. Die kantonalen Berufsbildungsämter sind mit den Verhältnissen vor Ort vertraut und pflegen den Kontakt mit den Unternehmungen vor Ort. Sie können dadurch die Entwicklung des Lehrstellenangebots am besten abschätzen, rechtzeitig geeignete Massnahmen ergreifen und die Jugendlichen bei der Lehrstellensuche individuell unterstützen. Der Bund bietet den Kantonen Unterstützung. Ausserdem beschliesst die jährliche nationale Lehrstellenkonferenz auf Regierungs- und Dachverbandsebene gegebenenfalls gemeinsame strategische Massnahmen.Für die Integration der Jugendlichen in die Berufsbildung stehen bewährte Massnahmen zur Verfügung, so etwa der Einsatz von Lehrstellenförderinnen und Lehrstellenförderern, Lehrbetriebsverbünde, Coaching und Mentoring, Brückenangebote und Case Management Berufsbildung. Ist die Lehrstellensituation angespannt, können diese Massnahmen rasch intensiviert werden. Um eine drohende Lehrstellenknappheit frühzeitig zu erkennen, stehen das Lehrstellenbarometer (siehe Kasten 1) und die monatlichen Trendanalysen der Kantone zur Situation auf dem Lehrstellenmarkt zur Verfügung.
Arbeitsmarktintegration nach der beruflichen Grundbildung
Der Übergang nach der beruflichen Grundbildung in den regulären Stellenmarkt ist für die jungen Erwachsenen mit einem stark erhöhten Arbeitslosenrisiko verbunden. Ein unfreiwilliger und längerer Erwerbsunterbruch nach der Ausbildung kann zu einem Verlust des beruflichen Fachwissens führen und sich damit negativ auf den weiteren Erwerbsverlauf auswirken. Auf Grund der hohen Bedeutung und angesichts der sich abzeichnenden Krise auf dem Arbeitsmarkt wurde an der Lehrstellenkonferenz 2009 beschlossen, den Einsteigerstellenmarkt von Berufsbildungsabgängern näher zu analysieren. Eine solche Analyse wurde erstmals vom Stellenmarkt-Monitor Schweiz der Universität Zürich für 2010 erstellt; die folgenden Passagen basieren auf den Auswertungen dieses Berufseinstiegsbarometers.5In Grafik 3 ist die Entwicklung der Arbeitslosenquote von Personen mit beruflicher Grundbildung im frühen Erwerbsverlauf (18–25 Jahre) im Vergleich zu zwei Referenzgruppen wiedergegeben. Gut zu erkennen ist dabei, dass Fachkräfte im frühen Erwerbsverlauf gegenüber länger integrierten Berufsleuten eine rund doppelt so hohe Arbeitslosenquote aufweisen. Hierin spiegelt sich die Übergangsproblematik am Ende der beruflichen Grundbildung. Gleichzeitig geht aus den Zahlen klar hervor, dass Personen mit beruflicher Grundbildung im frühen Erwerbsverlauf eine deutlich tiefere Arbeitslosenquote haben als gleichaltrige Personen ohne nachobligatorische Ausbildung. Seit 2004 lag letztere um durchschnittlich 90% über jener von jungen Personen mit einer beruflichen Grundbildung. Dies illustriert wiederum sehr deutlich, dass die Berufsausbildung einen sehr hohen Schutz vor Arbeitslosigkeit bietet. In den letzten drei Jahren erkennt man bei den Personen mit beruflicher Grundbildung im frühen Erwerbsverlauf die typische hohe Konjunktursensitivität. In relativer Hinsicht scheint sich die Situation von unqualifizierten Arbeitskräften gegenüber Berufsleuten etwas verbessert zu haben. So erreichte die Arbeitslosenquote in der letzten Rezession nicht mehr ganz das Niveau von 2004 und liegt heute sogar um rund einen Viertel tiefer. Eine Erklärung könnte darin liegen, dass die Industrie, welche sehr viele Berufsleute beschäftigt, von der Krise sehr stark betroffen war, während Branchen wie das Bau- und das Gastgewerbe oder auch der Detailhandel, die einen grossen Anteil an tief qualifiziertem Personal aufweisen, bislang verhältnismässig glimpflich durch die Krise kamen.
Übergang nach einem Studium auf der Tertiärstufe
Über die Arbeitsmarktsituation von Studienabgängerinnen und -abgängern liegt uns keine detaillierte Analyse vor. Berechnet man jedoch – analog zur Analyse der Berufseinsteigerinnen und -einsteiger – die Arbeitslosenquote von Personen mit tertiärem Bildungsabschluss im frühen Erwerbsalter (hier 25- bis 34-Jährige), so stellt man fest, dass diese im Januar 2004 bei 2,5% und im Januar 2010 bei 2,0% lag.6 Auf dem Höhepunkt der jüngsten Rezession lag die Quote damit tiefer als in der Rezession zuvor. Ende September 2010 lag die entsprechende Quote bei schätzungsweise 1,8%. Insgesamt darf man also feststellen, dass sich die Situation für Studienabgänger in der Schweiz vorderhand nicht dramatisch präsentiert. Eher deuten die ausgesprochen tiefen Arbeitslosenquoten darauf hin, dass im Falle eines Wirtschaftsaufschwungs rasch wieder Fachkräftemangel entstehen könnte. In den letzten Jahren konnte dieser vor allem durch Zuwanderung entschärft werden.
Fazit
Die Erfahrungen der Schweiz mit der Jugendarbeitslosigkeit haben sich in der letzten Rezession grossmehrheitlich bestätigt. Einmal mehr wurde deutlich, dass die Jugendarbeitslosigkeit sensibler auf die Konjunktur reagiert als die Gesamtarbeitslosigkeit. Es war daher richtig, sofort die bekannten Massnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit zu aktivieren und diese bedarfsgerecht durch zusätzliche Massnahmen im Rahmen der konjunkturellen Stabilisierungsmassnahmen zu ergänzen. Glücklicherweise nahm die Krise auf dem Arbeitsmarkt nicht das Ausmass an, welches Mitte 2009 noch hatte befürchtet werden müssen. Für das laufende Jahr hat sich die Situation sowohl für Berufseinsteiger wie auch für Lehrstellensuchende deutlich verbessert. In beiden Fällen ist davon auszugehen, dass die ergriffenen Massnahmen zur Stabilisierung des Lehrstellenangebots (z.B. Lehrstellenförderung), zur Integration der Jugendlichen (z.B. individuelle Begleitung, Case Management Berufsbildung) sowie zu Gunsten von arbeitslosen Bildungsabgängern (z.B. Motivationssemester, Berufspraktika) eine positive Wirkung entfalten. Nach wie vor kann allerdings nicht von einer völligen Entspannung der Situation gesprochen werden. Hinzu kommt, dass die konjunkturellen Aussichten auf eine deutliche Abschwächung der Wirtschaftsentwicklung hindeuten, womit sich die Rückbildung der Arbeitslosigkeit wie auch der Jugendarbeitslosigkeit wieder verlangsamen würde. Vor diesem Hintergrund sollten die Massnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit auch im kommenden Jahr fortgeführt werden, und es gilt die Entwicklung weiterhin genau zu beobachten.



